von
Tobias Eisenberg
Dieser Reisebericht erschien auch mit identischen Text unter dem Titel "Herpetologische
Reiseeindrücke aus Costa Rica" in der Zeitschrift REPTILIA (Jahrgang 5, Nr. 22 und 23; Natur- und Tier-Verlag, Münster).
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Costa Rica, auf der schmalen Landbrücke zwischen Nord- und Südamerika gelegen, wird begrenzt von Nicaragua im Nordwesten und Panama im Südosten. Im Norden grenzt das Land an das Karibische Meer, während die Südküste vom Pazifischen Ozean gebildet wird. Das kleine Land entspricht mit seiner Fläche nicht einmal ganz derjenigen von Niedersachsen. Es wird nicht zu Unrecht als das stabilste Land mit der längsten demokratischen Geschichte der Region bezeichnet. Es war auch eines der ersten Länder, die Anfang 1970 Nationalparks gründeten. Mittlerweile stehen 13% der Landesfläche in Nationalparks unter Schutz. Während 1949 noch Dreiviertel des Landes bewaldet waren, sind es heute im Zuge von Tropenholzgewinnung und Weidebau nur noch 25%. Trotzdem ist die Biodiversität unübertroffen. Mit über 220 Reptilien- und über 160 Amphibienarten hat das Land mehr zu bieten als ganz Europa zusammen. Im Februar und März 1999 besuchte ich zum zweiten Mal in meinem Leben Costa Rica. Nachdem ich schon einmal 1995 und mittlerweile 2002 in dieses wunderschöne Land gereist war, wusste ich bei diesem Besuch, daß sich der Aufenthalt in der Öko-Lodge „Rara Avis“, mitten im costaricanischen Regenwald gelegen, lohnen würde. Das Prinzip dieses privaten Projektes direkt benachbart dem Nationalpark „Braulio Carillo“ ist es, Regenwald in einer Weise zu nutzen, die diesen dadurch vor der Abholzung bewahrt. Dies wird darüber realisiert, daß die heimischen Bevölkerung bei der Pflege des Waldes und der Bewirtschaftung der Lodge ihr Geld verdient, es gibt ferner eine Zuchtanlage für tropische Schmetterlinge, die in die ganze Welt verkauft werden und eine weitere für Orchideen ist geplant. Die Investition in den Wald ist auch der Grund, warum die Unterkunft mit Vollpension (es gibt dreimal täglich ein schmackhaftes Essen, das neben tropischen Früchten immer aus den mittelamerikanischen Grundzutaten, nämlich Reis mit Bohnen besteht) nicht gerade billig ist, jedoch fungiert die Lodge sogar als internationale Jugendherberge, was den Aufenthalt auch für den kostenbewußten Touristen ermöglicht. Das Klima in Rara Avis ist sehr angenehm. Durch eine Höhenlage von 600 bis 700 Metern ü. NN und infolgedessen eine nächtliche Abkühlung auf etwa 18°C hat man unter den Mosquitos nicht so stark zu leiden wie in anderen Landesteilen. Die Lage nahe der Quelle eines kleinen Flusses, der auch die beeindruckenden Wasserfälle speist, bringt es mit sich, daß man das kristallklare Wasser trinken kann. Im Vergleich zu ebenfalls vorhandenem, gechlortem „Trinkwasser“ ein Genuß! Bei den täglichen Streifzügen durch den herrlichen Wald, konnten wir eine ganze Reihe der dort heimischen Tiere und Pflanzen beobachten. Es versteht sich von selbst, daß ich insbesondere an der Herpetofauna von Rara Avis interessiert war. Diese ist hier besonders gut untersucht, weil der Herpetologe Twan Leenders dort einige Jahre verbracht hat. Besonderen Reiz auf den Besucher mögen die unzähligen Erdbeerfröschchen (Dendrobates pumilio) ausüben, die schon bei der Ankunft mit dem Traktor (anders läßt sich die Lodge nur noch per Geländewagen erreichen) vernehmen lassen. In Rara Avis kommt die blaubeinige Variante dieses ungeheuer variablen Pfeilgiftfrosches vor. Die Frösche finden sich allerdings ausschließlich in tieferen Lagen, etwas oberhalb des alten Gefängnisses „El Plastico“, das heute als Unterkunft für Wissenschaftler und größere Gruppen dient. Betrachtet man die Froschlurche von Rara Avis etwas genauer, dann fallen die formenreichen Frösche der Gattung Eleutherodactylus auf. Diese häufig sehr kleinen und eher unscheinbaren Frösche leben vor allem in der Laubschicht des Waldes. Besonders interessant ist die Fortpflanzungsweise dieser artenreichsten Wirbeltiergattung der Welt: Aus den abgelegten Eiern schlüpfen nämlich fertig entwickelte Jungfrösche, Kaulquappen gibt es nicht. Neben beeindruckenden Vertretern tropischer Laubfrösche wie Agalychnis callidryas und Smilisca phaeota trifft man nachts relativ häufig auf die Agakröte (Bufo marinus). Auf unseren Streifzügen konnten wir als weitere Vertreter der Anurenfauna Bufo coniferus, B. valliceps, Rana warschewitschii und Leptodactylus melanonotus nachweisen. Unter den Echsen herrschen die Leguane vor. Das liegt an den artenreichen Vertretern der Anolis: Norops biporcatus, ein prächtiger, grüner Anolis, ist baumbewohnend und war in tieferen Lagen zu finden. N. capito, mein persönlicher Favorit, der fast freiwillig auf die Hand steigt, ließ sich besonders nachts gut finden, denn dann sitzen die Tiere auf dünnen Ästen und reflektieren im Lampenschein nahezu weiß. Sie können – wie auch die Basilisken – kurze Strecken nur auf ihren Hinterbeinen laufen, um schnell eine größere Distanz zu überbrücken. N. humilis, ein kleiner „leaf-litter“-Anolis, der unscheinbar braun gefärbt in der Laubstreu lebt. N. lionotus, der ausgezeichnet schwimmt und taucht und an fließende Gewässer angepaßt ist sowie N. lemurinus und N. limifrons. Daneben konnten wir immer wieder Stirnlappenbasilisken (Basiliscus plumifrons) beobachten, die besonders bei der Ortschaft Horquetas beim Durchqueren verschiedener Flüsse häufig zu sehen waren. Als Vertreter anderer Familien
fanden wir die Skinke Mabuya
unimarginata und Sphenomorphus
cherriei sowie die Teiiden Ameiva
festiva und A. quadrilineata. Die Schlangen stellen in Rara Avis die größte Reptiliengruppe dar. Man handelt sich so manches frustrierende Erlebnis ein, wenn man eine Schlange gerade noch aus dem Augenwinkel erblickt und dann versucht, sie in einem Gebüsch wiederzufinden. Allzu häufig gibt man nach einiger Zeit die Suche auf. Um so erfreulicher, wenn man die Möglichkeit hat, die Tiere auch wirklich bestimmen zu können. Unter den Colubriden fanden wir Erythrolamprus mimus, die durch ihre Färbung Korallenschlangen imitiert. Leptophis depressirostris, eine wunderschöne, grün-metallisch schimmernde Natter, die verhältnismäßig häufig zu finden war und Sibon annulata, eine schneckenfressende, nur bleistiftdünne Vertreterin, die beim Fangen einen sehr unangenehmen Geruch verbreitete. Zwei verschiedene Giftnattern, nämlich die beiden Korallenschlangenarten Micrurus nigrocinctus und M. mipartitus fanden wir in der Laubschicht des Waldes. Trotz ihres sehr potenten Neurotoxins (Nervengiftes) kommen Bißunfälle vergleichbar selten vor, denn die Schlangen haben nur ein kleines Maul und sind nicht aggressiv. Ein Beschuppungsmerkmal am Kopf der Tiere spricht für die Gattung Micrurus: Echte Korallenschlangen besitzen kein Lorealschild (das ist die Schuppe zwischen Postnasale, Praeoculare, Praefrontale und Supralabiale, also der Schuppe, die horizontal von Nasenlochende und Voraugenschuppe sowie vertikal von Vorderstirnschild und Oberlippenschild begrenzt wird). Unter den Grubenottern kommt die sogenannte „eyelash-viper“ (Bothriechis schlegelii) gar nicht so selten vor. Neben den phantastisch getarnten Tieren, die aussehen, als seien sie mit Flechten bewachsen, gibt es noch eine gelb gefärbte Variante. Wegen ihrer guten Tarnung und ihrer „sit-and-wait“-Lebensweise sollte man genau hinsehen, bevor man sich an bewachsene Bäume lehnt. In der Sammlung der Lodge befinden sich Alkoholpräparate von den Köpfen von Bothrops asper und Porthidium nummifer, die von Landarbeitern während der Feldarbeit erschlagen wurden. Letztere ist bis auf den besagten Kopf nie wieder gefunden worden, hingegen werden die bis zu drei Meter langen Bothrops asper, die von den Einheimischen „Fer-de-lance“ oder „terciopelo“ genannt werden, ab und zu entdeckt. Einer der Angestellten brachte uns eine Porthidium nasutum mit, nachdem er mitbekommen hatte, daß wir uns für Reptilien interessieren. Sehr interessant sind die verschiedenen Insektenarten, die in einer ungeahnten Vielfalt überall in den Tropen heimisch sind. Es bleibt ein unvergeßliches Erlebnis, wenn man das erste Mal erlebt, wie ohrenbetäubend laut sich das Geräusch lärmender Zikaden anhört und wie klein diese Insekten dann wirklich sind. Sie beginnen immer dann zu zirpen, wenn die Luftfeuchte merklich ansteigt und kurze Zeit später der Regen einsetzt. Die als sogenannte „bulet-ants“ (die Bezeichnung rührt von der Wirkung ihres Bisses her; bulet (engl.): Geschoß, Pistolenkugel) oder auch „veinticuatros“ (span: „24“, gemeint sind Stunden Schmerz) bezeichneten, ungefähr vier Zentimeter großen Ameisen treten zu Tausenden von Individuen auf streng eingehaltenen Routen auf und sind unermüdlich damit beschäftigt, organisches Material zu ihrem Bau zu transportieren. Ein Freund berichtete mir, von einem dieser Tiere in den Fuß gebissen worden zu sein, das in seinem Schuh gesessen hatte, und beschrieb den Effekt mit einem an die Haut gehaltenen Feuerzeug. Dagegen mußten wir schon etwas genauer hinschauen, um eine Mantis (Gottesanbeterin) zu entdecken, die infolge ihrer perfekten Blatt-Mimese als völlig aufgelöstes Objekt inmitten eines Busches saß, der die gleiche Blattform aufwies, die das Insekt nachahmte. Vor einigen Jahren begann der Amerikaner Don Perry damit, eine Methode zu entwickeln, die das Besteigen von Urwaldbäumen mit Bergsteigerausrüstung ermöglicht. Diese Technik wurde auch in dem Film „Medicine Man“ demonstriert, der in der Nähe gedreht wurde. Seit dem hat es eine ganze Reihe von „Baumkronen-Expeditionen“ gegeben, denn man fand sehr schnell heraus, daß sich dort oben eine Art eigener Lebnsraum befindet. Viele Tierarten leben fast ausschließlich in den Kronen, einige abfallende Blätter des Regenwalddaches fallen gar nicht bis zum Boden, sondern bilden eine eigene Humusschicht auf den Ästen in den Baumkronen. Eine ungeahnte Vielfalt an Bromelien, Orchideen, Tillandsien, Flechten und Moosen bietet sich demjenigen, der den waghalsigen Aufstieg nicht scheut. Mittlerweile haben die Reiseveranstalter erkannt, daß man mit dem Regenwalddach viel Geld verdienen kann und haben sogar ganze Seilbahnen für Touristen geschaffen, mit denen man sich auf relativ ungefährliche Weise dorthin begeben kann. Besonderen Reiz erfährt man nachts im Wald. Insbesondere die Freunde der Wirbellosen kommen immer auf ihre Kosten, denn es wimmelt geradezu von Insekten in den skurrilsten Formen. Amphibien findet man dagegen besonders nach Regenfällen. Wie erst kürzlich in der REPTILIA beschrieben wurde, kann man sehr viele Tiere aufspüren, wenn man sich die Taschenlampe direkt auf den Kopf legt oder eine Helmlampe benutzt und genau in der Sehachse der eigenen Augen leuchtet. Die meisten Tiere besitzen nämlich ein sogenanntes Tapetum lucidum, eine direkt einfallendes Licht reflektierende Schicht des Auges, die ihnen das Sehen während der Dunkelheit ermöglicht. Das Aufblitzen eines grünlich-silbrigen Auges weist so sehr deutlich auf verborgene Tiere. Es funktioniert sogar bei Insektenaugen in mehreren Metern Höhe, aber auch bei Reptilien, Amphibien, Vögeln und Säugetieren. Wenn man morgens früh vor Sonnenaufgang aufsteht, hat man gute Chancen, verschiedene Amazonen oder auch Tukane zu sehen, die von ihren Schlafbäumen unter lautem Geschrei auffliegen. Unter den Säugetieren kommen Nasenbären, die sich als wahre Kulturfolger erweisen, fast täglich direkt zur Lodge, um nach Abfällen zu suchen. Bei den anderen Säugetieren (die verschiedenen Fledermausarten machen alleine die Hälfte aus), namentlich Ameisenbären, Brüllaffen, Faultiere, Tapire, Gürteltiere, Agoutis oder gar Jaguare oder Ozelots, braucht man Glück, um fündig zu werden. Fasziniert hat mich die Geschichte eines kleinen Hörnchens (Sciurus spp.), das in Symbiose mit bestimmten Bäumen lebt. Während der Baum durch das Benagen der Rinde von Epiphyten befreit wird, die durch ihr Eigengewicht Äste abbrechen lassen, profitiert das Hörnchen von dem hohen Anteil der lebensnotwendigen Aminosäure Cystein, die in der Baumrinde vorhanden ist. Solche Wechselbeziehungen finden sich auch dann, wenn es um das Bestäuben von Pflanzen geht: Viele der Kolibriarten fliegen nur zu bestimmten Blüten zum Nektarlecken und verbreiten auf diese Weise die Pollen. Nach unserer Rückkehr zur Hauptstadt mit dem Bus und einer Übernachtung in einer sehr preiswerten Herberge, mieteten wir dort ein Auto. Es empfiehlt sich, unbedingt ein geländegängiges Fahrzeug mit Vierradantrieb auszusuchen, da die Straßen irgendwann nur noch Schotterpisten mit erheblichen Unwuchten und Steigungen sind. Auf diese Weise war es möglich, die unterschiedlichen Landschaften Costa Ricas kennenzulernen. Zunächst fuhren wir in nördlicher Richtung bis zum Volcano Arenal. Dieses landschaftlich sehr schöne Gebiet war aber touristisch so stark überlaufen, daß wir am nächsten Tag weiterreisten. Der künstlich angelegte Arenal-Stausee soll etwa 75% des Energiebedarfs von Costa Rica über Wasserkraft abdecken. Von dort aus ging es in die Provinz Guanacaste, denn wir wollten den „Santa Rosa“ Nationalpark besuchen. Nur etwa 20 km von der Grenze zu Nicaragua bezogen wir Quartier. Die trockene, steppenähnliche Landschaft mit Dorngestrüpp, Opuntienkakteen und lichten Trockenwäldern bot einen totalen Gegensatz zum bislang Erlebten. Ursprünglich hatte ich gehofft, den Fünfkiel-Schwarzleguan (Ctenosaura quinquecarinata) zu finden. Neben dem Mittelamerikanischen Schwarzleguan (Ctenosaura similis) waren aber nur noch einige Sceloporus variabilis und Rennechsen (Cnemidophorus deppii) aufzustöbern. Unser nächstes Ziel war der „Monteverde“ - Nationalpark, ein Nebelwaldgebiet am Fuße der Cordillera de Tilarán. Noch vor einigen Jahren soll es hier die Goldkröten (Bufo periglenes) gegeben haben. Aller Wahrscheinlichkeit nach ist diese Art mittlerweile ausgestorben, was auf das bisher noch ungeklärte Phänomen des weltweiten Amphibiensterbens zurückgeführt wird. Das Waldgebiet ist mit seinen feuchtglitzernden, moos- und flechtenbewachsenen Urwaldriesen wirklich sehenswert. Besonders hervorzuheben ist der „Humming Bird Garden“, wo Kolibris an künstliche Blüten mit Zuckerwasser angelockt werden, und man mehrere verschiedenen Arten bestaunen kann. Um uns an einem Ort ohne Tourismus erholen zu können, suchten wir ein Fischerdorf namens Pajaros auf. Eine ausgestorbene Pension bot sich für die Übernachtung an, war der Raum doch mit allerlei Requisiten wie ausgestopften Spitzkrokodilen (Crocodylus acutus), Klapperschlangen (Crotalus durissus) und Boas (Boa constrictor) gefüllt, die den Reptilienfan näher interessieren. An den Wänden wimmelte es von Geckos und der Wirt war so begeistert darüber, Kundschaft zu haben, daß er ein sensationelles Fischgericht auftrug. Daß die Toilette kaputt zu sein schien war schade, lustig jedoch der Grund für das Versagen: Im Wasserkasten hatten sich zwei große Laubfrösche (Smilisca spp.) eingenistet, um die Trockenzeit zu überdauern. Es ging weiter in Richtung Rio Tarcoles, wo ein letztes Vorkommensgebiet von Spitzkrokodilen und Roten Aras in freier Wildbahn ist. Die Krokodile konnte man tatsächlich an den Sandbänken des Tarcoles liegen sehen. Wegen der geographischen Nähe besuchten wir bei dieser Gelegenheit den Iguana Park, den eine deutsche Biologin vor einigen Jahren dort aufgebaut hatte, und der mittlerweile in den meisten Reiseführern verzeichnet ist. In diesem Park wimmelt es geradezu von Grünen Leguanen (Iguana iguana), aber auch von Streifenbasilisken (Basiliscus vittatus). Die Grünen Leguane werden dort zu Nahrungszwecken gezüchtet, um die Naturentnahmen zu stoppen. Ferner werden die Häute weiterverarbeitet. Die „Produktion“ ist wohl so auf Überschuß eingestellt, daß jedes Jahr 50000 Schlüpflinge im Land ausgewildert werden, um die freilebende Population zu stärken. In dem Restaurant des Parks hätte man Leguan in jeder erdenklichen Form zu sich nehmen können, angefangen von „Iguana en salsa de cocos“ bis hin zu einem fastfood-orientierten „Iguana-burgesa“. Rote Aras bekamen wir auch zu Gesicht, wenn auch nur in einem Freigehege. Als letzte Stationen bereisten wir die Provinz Cartago, eine landwirtschaftlich für den Zuckerrohr- und Kaffeeanbau intensiv genutzte Region. Dabei wurden wir Zeugen eines erstaunlichen Spektakels: In dem Ort Paraiso wurde gerade ein Fest zu Ehren dem Schutzpatron San José gefeiert. Der Rummel war um ein Kinderkarrussel aufgebaut, das mittels eines dröhnenden Dieselmotors betrieben wurde. Obwohl dieses wirbelsäulenschädliche Konstrukt (man fiel in jeder Runde im freien Fall etwa zwei Meter herab) schon von weitem zu hören und zu riechen war, schien es für die Kinder des Dorfes die absolute Sensation zu sein. Nachdem die Zeit gekommen war, den Mietwagen wieder abzugeben, reisten wir mit dem Bus zum Nationalpark „Manuel Antonio“, der direkt am Pazifischen Ozean liegt. Er ist einer der bekanntesten Nationalparks und man kann ihn bequem zu Fuß durchqueren. Die Tiere sind dort besonders zahm, was sicherlich nicht zuletzt an den vielen Touristen liegt. Hier kam dann auch endlich unser Zelt zum Einsatz, das wir bis dahin die ganze Zeit mit uns herumgeschleppt hatten, aber aufgrund der preiswerten Cabiñas (so nennt man die privat vermieteten Zimmer, die man überall finden kann) bisher nicht benötigt hatten. Schon vorher hatte man mir erzählt, daß es in diesem Park sehr große Mittelamerikanische Schwarzleguane geben sollte. Ich war dennoch überrascht, Tiere von schätzungsweise 110cm Gesamtlänge zu sehen, die überhaupt nicht scheu waren. Auch die Dichte der Individuen war enorm. Ebenfalls sehr eindrucksvoll sind die in dieser Region heimischen Helmbasilisken (Basiliscus basiliscus), die ausgesprochen hohe Rückenkämme und Kopfanhänge aufweisen. Für beide Spezies existiert in Deutschland ein Zuchtprogramm, das die Arbeitsgemeinschaft für Leguane IGUANA der DGHT ins Leben gerufen hat. Neben Ameiva quadrilineata fanden wir hier auch A. undulata. Es gab Horden von Kapuzinerfaffen, doch noch spektkulärer fand ich unser erstes Dreizehiges Faultier in freier Wildbahn. Die letzten Stunden vor dem Abflug verbrachten wir in der Hauptstadt San Josè. Hier soll schließlich noch das „Serpentario Nacional“ erwähnt werden, das unbedingt sehenswert ist. Schwerpunktmäßig werden dort Schlangen präsentiert, aber auch einige Panzerechsen und Dendrobaten sind zu sehen. Die Giftschlangen des Landes werden dort nahezu vollständig in Terrarien gehalten, sogar die an der pazifischen Küste vorkommenden Seeschlangen (Pelamis platurus) sind zu sehen. Unter der Rubrik: Mein "schönstes" Reiseandenken gibt es eine kleine Geschichte zu erzählen: Ich hatte schon vor der Reise von Dasselfliegen gehört, die Menschen parasitieren. Während des Aufenthalts bleibt es nicht aus, daß man von Mosquitos gestochen wird. Einer dieser Stiche heilte nicht ab, sondern schwoll immer mehr an. Hier in Deutschland war nach etwa vier Wochen beim ersten Aufschneiden keine Larve zu finden. Nachdem diese aber anfing, durch Bewegungen unter der Haut und stärkere Schmerzen auf sich aufmerksam zu machen, konnte sie in einer zweiten beherzten Operation "geborgen" werden. Dabei konnte man nur gelegentlich einen Atemrüssel der Larve sehen, der über die Oberfläche der Haut ragte, aber bei Berührung sofort abgesenkt wurde. Diese
Dasselfliegen (Dermatobia hominis) kommen in Mittel- und Südamerika vor.
Interessant ist ihr Lebenszyklus: Die Fliegenweibchen legen in ihrem nur
acht Tage dauernden Leben ihre Eier auf der Unterseite von
Mosquitoweibchen ab, die sie fangen und dann regelrecht zwischen ihren Flügeln
und Beinpaaren arretieren. Wieder freigelassen bringen die Mosquitos dann
bei ihrer nächsten Blutmahlzeit die Eier zum Wirt. Durch die erhöhte
Umgebungstemperatur schlüpfen die infektiösen Larven 1 aus den Eiern.
Diese dringen dann innerhalb von 5-60 Minuten entweder perkutan (durch die
intakte Haut), durch den Stichkanal des Mosquitos oder über Haarfollikel
durch die Haut. Die heranwachsende Larve verankert sich mit ihren Hakenkränzen
und ernährt sich von Wirtsgewebe. Innerhalb von 4-14 Wochen häutet sie
sich zweimal und hat schließlich eine Länge von mindestens zwei
Zentimetern. Diese Larve 3 verläßt dann den Wirt, fällt zu Boden und
verpuppt sich in der Erde. Nach etwa einem Monat schlüpft daraus die
fertige Dasselfliege. Glücklicherweise wandert die Larve nicht durch den
Körper, wie dies ihre Verwandten bei Rindern in Europa tun, sondern
verbleibt an der Stelle, wo sie eingedrungen ist... Zusammenfassend möchte ich für dieses Land werben, dessen atemberaubende Schönheit glücklicherweise noch in vielen Teilen erhalten geblieben ist, dessen Naturzerstörung aber auch trotz Nationalparks und Ökotourismus weiter voranschreitet. Besuchen Sie Costa Rica, es lohnt sich! Ich danke meinen Reisebegleitern, Nicole Struckmann und Andreas Gallei für ihre fast unermüdliche Toleranz beim Durchstöbern der Wälder und Bestimmen der Tiere sowie den Herren Markus Monzel und Twan Leenders für die Durchsicht des Manuskriptes. Informationen
zur Rainforest-Lodge Rara Avis finden sich auch im Internet unter www.rara-avis.com. Weitere Aufnahmen von dieser Reise sind hier
zu sehen.
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