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Pfeilgiftfrosch –
Zuchtbericht
(Martin Haberkern,
Oktober 2001)
Seit
vielen Jahren pflege ich verschiedene Arten von Pfeilgiftfröschen und
habe mittlerweile schon 27 Arten nachgezüchtet. Im folgenden Bericht möchte
ich meine Zuchterfahrungen weitergeben. Es gibt viele verschiedene
Zuchtmethoden und die hier vorgestellte soll nicht als die einzig richtige
verstanden werden.
Stellvertretend für
alle Arten des tinctorius – Komplexes zeige ich am Beispiel von
tinctorius ‚Saül’ die Zucht vom Ei bis zum Frosch. Die Zuchttiere
sind Wildfänge, die ich 1997 erhalten habe. Sie stammen aus einer der
vier bekannten Populationen der tinctorius ‚Saül’ aus dem Gebiet um
die Ortschaft Saül in Französisch Guyana (s.
Bild links). Das Besondere an dieser Population ist, dass die Jungtiere
blau-schwarz-gelb gefärbte Beine haben, die sich aber schon nach kurzer
Zeit in ein Schwarz-Gelb umfärben.
Das
Zuchtterrarium ist 80x45x55 cm (LxBxH) gross. Die Deckscheibe besteht aus
einem UV-durchlässigen Glas, und während 12 Stunden am Tag wird das
Terrarium durch zwei Leuchtstoffröhren beleuchtet. Mittels eines
Aussenfilters wird das Wasser 24 Stunden/Tag umgewälzt und läuft über
einen Tuffstein ins Becken. Die Bepflanzung besteht aus Gewächsen aus dem
Originalbiotop, der Bodengrund aus Tuffsteinen und Rindenschnipseln (s.
Bild rechts).
Ich halte bei
allen Fröschen eine etwa 5 monatige Trockenphase von Frühling bis Herbst
ein. Während dieser Zeit erhalten die Tiere vorwiegend gekeschertes
Wiesenplankton, dazu bei schlechtem Wetter kleinste Heimchen, verschiedene
Drosophila-Arten und Springschwänze. Im September erhöhe ich langsam die
Luftfeuchtigkeit und biete den Fröschen eine Petrischale mit einer darüber
gelegten halbierten Kokosnuss an. Diese hat einen kleinen Eingang. Schon
bald hört man das leise Schnarren des Männchens häufiger und kann auch
den spannenden Verlauf der Paarung beobachten. Das Männchen lockt durch
seine Rufe das Weibchen an. Dieses streicht bei Interesse dem Auserwählten
mehrfach über den Rücken. Wenn das Männchen davon hüpft, folgt ihm das
Weibchen und die beiden landen am Schluss vor der Laichhütte (s.
Bild links). Dieses Ritual kann mehrere Stunden dauern. In der Natur
sucht das Männchen einen dunklen feuchten Ort z.B. unter einer Wurzel
oder im Wirrwarr am Boden liegender Blätter. Im Terrarium nehmen die
meisten Frösche jedoch eine künstliche Laichhöhle gerne an. In etwa der
Hälfte der Fälle verschwindet das Männchen zuerst in der Laichhütte
und gibt sein Sperma in die feuchte Petrischale ab (s.
Bild rechts und links),
bevor dann das Weibchen die Eier in die Schale legt (s.
Bild rechts und links). Im anderen Fall legt das Weibchen zuerst die Eier und das Männchen
besamt sie danach.
Ich
belasse das Gelege meist einen Tag in der Schale im Laichhäuschen, um
sicher zu sein, dass es besamt ist. Die Gelegegrösse schwankt zwischen 3
und 16 Eiern. Dann entnehme ich die Schale mit dem Gelege und gebe den Fröschen
eine neue für weitere Gelege. Die Eier in der Schale besprühe ich
regelmässig,
so dass sie immer schön feucht sind und dass in der Petrischale ein
Wasserstand von knapp einem Millimeter ist. Die Schale decke ich zu, damit
die Eier dunkel stehen (s. Bild rechts).
Schon
nach wenigen Stunden erkennt man in den befruchteten Eiern die
verschiedenen Zellstadien. Mit einem Binokular lassen sich die einzelnen
Stadien besonders schön beobachten. Ab dem 2. Tag sieht man auch von
blossem Auge die beginnende Gastrulation und die sich bildende Neuralfalte
(ich verzichte hier auf eine detaillierte Beschreibung der gesamten
Embryogenese, da der Bericht vor allem praktische Hinweise geben soll). Im weiteren
Verlauf der Entwicklung ist zuerst die Kopfregion und dann auch die
Schwanzknospe sichtbar.
Die ersten Muskelkontraktionen
zeigen sich am 6. Tag und ab dem 8. Tag ist der Herzschlag gut erkennbar. Schlechte Eier entferne ich mit einem Plastiklöffel. In den Kiemen lässt sich die
Blutzirkulation sehen. In diesem Stadium
entwickelt sich auch die Hornhaut der Augen. Am 16. Tag bildet sich zuerst der rechte Kiemenast zurück und wenig später dann auch der linke. Nun erhöhe ich den Wasserstand in der Petrischale, denn der
Schlupf steht kurz bevor. Ich helfe keiner Kaulquappe aus dem Ei, das muss
sie selber schaffen. Beim Schlupf sind die Kaulquappen ca. 17 mm lang. Ich
lasse sie noch etwa einen Tag in der abgedeckten Schale, bevor ich sie in
ein anderes Gefäss überführe (vgl. entsprechende Bilder rechts und
links).
Die
Kaulquappen ziehe ich meist einzeln auf, verwende aber parallel dazu auch
verschiedene Aufzuchtpools für die Quappen in Gemeinschaftshaltung. In
den folgenden Ausführungen beschränke ich mich aber auf die
Einzelhaltung bei der Aufzucht. Die Quappen schwimmen bei mir in 125 ml
fassenden, ausgedienten Quarkbecherchen. Den gleichen Zweck erfüllen auch
andere Gefässe. Der Wasserstand beträgt 3 cm. Der Becher wird maximal
bis 1 cm unter den Rand gefüllt, damit keine Kaulquappe durch heftige
Schwimmbewegungen ‚heraushüpfen’ kann.
Das
Aufzuchtwasser ist abgestandenes Leitungswasser, in das ich pro Liter 3-5
Erlenzapfen gebe. Die Erlenzapfen sammle ich am Ufer unseres Sees oder
entlang von Bachläufen. Die Zapfen sind die männlichen Blüten der
Schwarzerle (s. Bild links). Geeignet sind aber auch die Zapfen
anderer Birkenarten (Die Erle gehört zur Gattung der Birkengewächse).
Das Wasser verfärbt sich dadurch bernsteinfarben bräunlich und der
pH-Wert liegt bei 6.1 bis 6.45 (s. Bild rechts). Der Leitwert des
Wasser beträgt bei 26° Grad zwischen 320 und 340 µS/cm. Diese
Wasserwerte entsprechen in etwa den natürlichen Bedingungen.
Ab
dem zweiten Tag werden die Quappen gefüttert. Sie erhalten Tetramin Baby,
zerriebene Hasenpellets, Spirulinapulver, Algenpulver aus der Artemiazucht,
Blütenpollen, zerriebene getrocknete Daphnien und Mückenlarven, wenig
Korvimin ZVT und Amivit A und ab und zu auch Lebendfutter (Wasserflöhe
und rote Mückenlarven) (s. Bild links).
Der
Alltag beim Aufziehen von Kaulquappen sieht wie folgt aus: Alle 3 Tage
wechsle ich das Wasser. Dazu gebe ich das genannte Erlenzapfenwasser in
einen neuen Becher. Den alten besetzten Becher kippe ich mitsamt der darin
schwimmenden Quappe durch ein kleines Netz. Dann entlasse ich die
Kaulquappe in ihren neuen Becher. Wenn alle Becher gewechselt sind, rühre
ich meine Futtermischung mit etwas Wasser zu einem dünnflüssigen Brei an
und gebe je einen Tropfen in die Becher zu den Quappen (s. Bild rechts).
So sinkt das Futter auf den Grund und schwimmt nicht an der Wasseroberfläche.
Jede Woche werden die Quappenbecher für eine Viertelstunde (15 Minuten)
mit UV-Licht bestrahlt. Dazu stelle ich die Becher dicht unter eine
UV-Leuchtstoffröhre. In den 70er und
80er Jahren trat immer wieder das Phänomen der Streichholzbeinchen auf.
Die Quappen entwickelten sich normal, aber zum Schluss waren die
Vorderbeine unterentwickelt oder konnten gar nicht durchbrechen. Seit ich
seit mehr als 10 Jahren die Kaulquappen mit ultraviolettem Licht
bestrahle, habe ich dieses Phänomen nicht mehr erhalten (Anmerkung: Die
Vitamin D3-Synthese passiert bei einer Lichtwellenlänge von
295 nm). Obwohl diese Methode wissenschaftlich nicht bewiesen ist, bringt
sie bei mir vollen Erfolg und ich kann sie nur weiterempfehlen.
Die
Entwicklungsdauer vom Ei bis zum Frosch ist temperaturabhängig. Bei 25°
Grad beträgt sie bei der aufgezeigten Art und Methode circa 100 Tage. Bei
mir schwanken die Temperaturen zwischen nachts 21-22° und am Tag bis 27°
Grad. Im Bild sieht man das Grössenwachstum von der
frisch geschlüpften Kaulquappe bis zur 4-beinigen Quappe kurz vor
dem Landgang (s. Bild links).
Ab
dem 50. Tag erkennt man deutlich die wachsenden Hinterbeine (s. Bild
rechts). Etwa ab dem 80. Tag beginnt die Umfärbung
und man sieht die drückenden Vorderbeine (s. Bild links),
die etwa am 90. Tag durchbrechen (s. Bild rechts). Die
Kaulquappe hat nun ihre maximale Länge von 45 mm erreicht. Im Verlauf der
Entwicklung stellt die Kaulquappe von der Kiemenatmung durch innere Kiemen
auf die Lungenatmung um. In diesem Stadium verändert sich auch das Maul
der Quappe. Sobald sich der Ruderschwanz der Kaulquappe zurückbildet,
stellt sie auch die Nahrungsaufnahme ein. Ich überführe sie dann in eine
spezielle Dose, in die schräg eine feine Gaze eingeklebt ist (s. Bild
links). Wenn der Schwanz fast ganz zurückgebildet ist, können
die Jungfrösche auf dieser Rampe das Wasser verlassen (s. Bild rechts) (Die Metamorphose gilt als abgeschlossen, wenn die Mundspalte
hinter der Augenmitte endet). Die Dose ist mit einem Deckel verschliessbar,
damit nicht ein Jungfröschchen versehentlich entweichen kann. Sobald der
kleine Frosch am Land ist, setze ich ihn in ein kleines Aufzuchtterrarium
(s. Bild links).
Wenn dann der Schwanz vollständig verschwunden ist, beginnen die
kleinen Frösche zu fressen. Jetzt haben sie eine Körperlänge von 15 mm.
Als Erstfutter erhalten sie Springschwänze und bald auch kleine
Drosophilas. Aber dies ist ein anderes Kapitel!
Technische
Bemerkung: Alle Fotos habe ich mit einer ‚Sony DSC-F505V Cyber-shot’
Digitalkamera gemacht. Ich
bin kein sehr geübter Fotograf, aber ich hoffe, die Bilder gefallen und
verbildlichen den Text.
Martin
‚quaki’ Haberkern.
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